Live aus Windhoek

Gestatten, Marcel Pauly. In diesem Blog habe ich 2011 über die Erlebnisse und Erfahrungen während meines Radio-Praktikums im südwest-afrikanischen Namibia geschrieben. Von Juli bis Oktober lebte ich in der Hauptstadt Windhoek und arbeitete beim Deutschen Hörfunkprogramm (German Service) der Namibian Broadcasting Corporation (NBC).

Fernsehen aus dem Schuhkarton

Vier oder fünf Live-Sendungen entstehen in dem kleinen Schuhkarton, dessen unscheinbare Tür mit „Studio 1″ etikettiert ist. Vier schwere Kameras mit Teleprompter-Aufsatz nehmen schon einen Großteil des Platzes ein. Da bleibt gerade noch Platz genug für die verschiedenen Sperrholz- und Kunststoff-Kulissen, die hintereinander gestapelt darauf warten, für die jeweilige Sendung hervorgekramt zu werden. Bei meinen beiden Besuchen waren gerade die Nachrichten an der Reihe.

Während sich die NBC im Radio verschiedene Sprachdienste leistet, sendet sie im Fernsehen nur ein englisches Programm. Jeden Abend gibt es von 20 Uhr bis 20:30 Uhr die Nachrichten, die ich vergangenen Freitag vor Ort miterleben durfte. Hassan, der beim Deutschen Hörfunkprogramm die werktägliche Kindersendung „Hallo Kinder“ moderiert, ist auch Newsanchor beim Fernsehen und hat mich dorthin mitgenommen.

Die Nachrichtensprecher kommen gut eine Stunde vor Sendungsbeginn in die Redaktion, lesen sich in die Texte ein, werden geschminkt und verkabelt, und warten schließlich darauf, dass die rote Lampe angeht. Vor der Kamera entsteht dann ein Programm, dass in seiner Präsentationsweise und Aufmachung an amerikanischen Fernseh-Nachrichten orientiert scheint. Hinter der Kamera wuseln Techniker und Kameramänner herum, über Funk immer in Kontakt mit der Regie.

Mitschnitte einer kompletten NBC-Nachrichtensendung habe ich online nicht finden können, aber dieses Video einer Kurznachrichten-Sendung (läuft immer um 22 Uhr) gibt schonmal einen kleinen Einblick ins Screendesign der NBC-Nachrichten:

Achtet man im Studio auf’s Detail, fällt auf, was man etwa auch beim Deutschen Hörfunkprogramm oder überhaupt überall hier im Lande immer wieder beobachten kann: Im Vergleich zu einem so reichen und durchgeregelten Land wie Deutschland wird hier in Namibia noch unheimlich viel improvisiert. Das lädierte Nachrichtenpult zum Beispiel, auf dem man dank Rollen locker über Claus Klebers Halfpipe brettern könnte, wird nicht teuer repariert oder gar ausgetauscht, sondern lieber notdürftg mit Tape geflickt. Macht ja nichts, sieht man ja bestimmt nicht im Fernsehen. Und wenn doch – egal.

Ähnlich wie bei den Radio-Nachrichten erweckt auch die Themenauswahl bei den Fernseh-Nachrichten den Eindruck, dass eine gewisse Agenda „von Oben“ vorgegeben wird. Oft machen die Sendungen mit so bedeutsamen Ereignissen auf, wie dem Kaffeekränzchen von Präsident Pohamba mit einem beliebigen Staatsgast. Viele Namibier schauen deshalb lieber die Nachrichten beim privaten Fernsehsender One Africa.

Einmal die Woche, donnerstags vormittags, sendet das NBC-Fernsehen auch Nachrichten in den verschiedenen Landessprachen – darunter natürlich auch auf Deutsch. Meinem Mitpraktikanten Thomas ist die Ehre zuteil geworden, bis auf weiteres die deutschen Fernseh-Nachrichten präsentieren zu dürfen (siehe oberstes Foto). Im Gegensatz zu den englischen News, sind die landessprachlichen nicht live, sondern werden am Vortag aufgezeichnet. Außerdem dauern sie nur eine viertel, statt einer halben Stunde, haben keinen extra Sport-Präsentator und werden nur mit einer statt drei Kameras produziert. Das bei Live-Sendungen übliche Gewusel im Studio gleicht hier eher dem gemächlichen Absitzen einer sechsten Schulstunde. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass selbst der Kameramann mangels Einstellungswechsel während der Aufzeichnung den Raum verlässt und der Anchor einsam zurückbleibt – an seinem Rollwägelchen im Schuhkarton.

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