Live aus Windhoek

Gestatten, Marcel Pauly. In diesem Blog habe ich 2011 über die Erlebnisse und Erfahrungen während meines Radio-Praktikums im südwest-afrikanischen Namibia geschrieben. Von Juli bis Oktober lebte ich in der Hauptstadt Windhoek und arbeitete beim Deutschen Hörfunkprogramm (German Service) der Namibian Broadcasting Corporation (NBC).

Hermann, Hans und die Souvenirs

Kindern sagt man: „Steig nicht zu Fremden ins Auto!“ Namibia-Reisenden sagt man: „Nimm keine Fremden im Auto mit!“ Hält man sich an die zweite Regel genauso penibel, wie an die erste, läuft man Gefahr, wertvolle Begegnungen zu verpassen. Wie zum Beispiel die, die ich mit Hermann hatte.

Nach unserem Besuch im Etosha-Nationalpark verschlug unsere kleine Tour durch’s Land Peter und mich in das kleine Örtchen Uis, irgendwo im Nirgendwo im Westen Namibias. Wir mussten dringend einkaufen, konnten aber keinen Laden finden und fuhren daher die örtliche Tankstelle an, die in Uis aber tatsächlich nur aus zwei, drei Zapfsäulen besteht und keinen angeschlossenen Shop zu bieten hat. Hier wurden wir also nicht fündig, aber sofort lief Hermann auf unseren Wagen zu, hieß uns euphorisch willkommen, stellte sich vor, und bot an, uns den Weg zum nächsten Geschäft zu zeigen, er wohne dort sowieso um die Ecke. Hermann, der sich Besuchern mit anderer Staatsangehörigkeit möglicherweise mit anderem Namen vorstellt, hatte kaum auf unserer Rückbank Platz genommen, da zog er aus seiner Hosentasche – kein Messer – eine Hand voll funkelnder Schmucksteinchen und verwandelte die fünfminütige Autofahrt gleich in ein Verkaufsgespräch.

Bis zur Unabhängigkeit des Landes 1990 wurde in Uis Zinn und Wolfram abgebaut, wegen sinkender Weltmarktpreise rentierte sich die Mine aber schließlich nicht mehr und sie wurde geschlossen. Noch heute bauen einige ehemalige Angestellte auf eigene Faust Mineralien ab, und am Straßenrand vor und hinter Uis warten Händler, die den durchreisenden Touristen ihre Souvenir-Steinchen andrehen wollen, über deren Qualität ich hier keine Aussage machen kann oder will.

Auch Hermann schlägt sich als Händler durch. Als ich ihm erzähle, dass ich kein Urlauber bin, sondern hier für drei Monate als Radio-Journalist arbeite und mich mehr für Land und Leute interessiere als für Souvenirs, scheint es, als streife sich Hermann die Rolle des Verkäufers ab. Vor mir steht jetzt der Mensch Hermann, und aus dem sprudelt es nur so heraus. „Das war mal ein typisches Bergbau-Dorf. Die Männer haben alle in der Mine gearbeitet, doch seit 21 Jahren sind wir praktisch arbeitslos. Wo sollen wir auch einen richtigen Job herbekommen?“ Die Frage ist berechtigt. In Uis gibt es keine Industrie mehr und keine anderen Unternehmen, die den Menschen Arbeit geben könnten. Es gibt zwar ein paar Unterkünfte für die Touristen auf der Durchreise, aber das reicht natürlich nicht, um eine ehemalige Bergarbeiter-Belegschaft zu beschäftigen. „Wir haben hier keinerlei Perspektive, viele haben deshalb den Ort in den vergangenen Jahren verlassen und sind in die größeren Städte gezogen.“

Wozu die Landflucht führen kann, habe ich bereits in der Wellblechhütten-Siedlung Okahandja-Park in Windhoek gesehen. Aber die schlechten Job-Aussichten treiben die Menschen nicht nur in die Hauptstadt, sondern etwa auch in die Küstenstadt Swakopmund, die vielleicht deutscheste Stadt Namibias und die letzte Station unserer Landestour. Dort treffe ich Hans. Er könnte sogar tatsächlich so heißen: Sein Vater habe auf der Farm eines Deutschnamibiers gearbeitet, erzählt er mir, und auch er selbst sei dort tätig gewesen, bis er loszog, um sein Glück in Swakopmund zu suchen.

Auch Hans ist nun auf Touristen angewiesen, ihre Namen ritzt er in kleine Holzkugeln, die man sich ans Schlüsselbund hängen kann. Auch er wandte sich keineswegs ab, als ich mich als NBC-Praktikant zu erkennen gab, der kein besonderes Interesse an Touri-Souvenirs hat. Stattdessen kamen wir ins Plaudern und er erzählte mir, dass er sich das mit der Stadt auch irgendwie anders vorgestellt hatte. Der Souvenir-Verkauf ist hier ein hart umkämpfter Markt, geschätzt zwei Dutzend Händler tummeln sich in der Nähe des Leuchtturms, einer der Touristen-Attraktionen in Swakopmund. Sie verkaufen Massenware, etwa geschnitzte Giraffen und Nashörner, gefertigt irgendwo in Afrika und per LKW verteilt auf den ganzen Kontinent. Angedreht bekommt man die Tierchen natürlich als „selbst geschnitzt“. In großen Containern lagern die Souvenirs direkt am Verkaufsort. Morgens werden sie herausgeholt und abends wieder darin verschlossen. Die Verkäufer sind ständig hinterher, das utopisch hoch angesetzte Soll ihrer Chefs zu erfüllen. Ein besseres Leben kann man sich von diesem Job nicht leisten.

„Die Schule habe ich abgebrochen“, erzählt Hans, „die Möglichkeit, meinen Abschluss später nachzuholen, hatte ich nicht.“ Immerhin hätten seine drei Kinder heute bessere Chancen als er damals. „Ich achte auch darauf, dass sie genug für die Schule tun. Denn ohne Bildung ist es unmöglich, seine Lebensqualität zu erhöhen. Und das sollen sie eines Tages schaffen!“

Ich bin wieder einmal beeindruckt von der Offenheit, die mir in diesem Land von wildfremden Menschen entgegen gebracht wird, denen es so viel schlechter geht als mir. Täglich spielen sie für Touris den lustigen schwarzen Souvenir-Verkäufer, sind aber trotzdem dazu bereit, sich bei ehrlichem Interesse auf einer ernsten, sehr persönlichen Ebene zu unterhalten und auszutauschen. Diese Begegnungen auf Augenhöhe sind es, die diesen Auslandsaufenthalt so unvergesslich machen.

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