Live aus Windhoek

Gestatten, Marcel Pauly. In diesem Blog habe ich 2011 über die Erlebnisse und Erfahrungen während meines Radio-Praktikums im südwest-afrikanischen Namibia geschrieben. Von Juli bis Oktober lebte ich in der Hauptstadt Windhoek und arbeitete beim Deutschen Hörfunkprogramm (German Service) der Namibian Broadcasting Corporation (NBC).

In den Wellblechhütten von Okahandja-Park

„Im Winter ist es hier drin eiskalt, im Sommer wird das Blechdach unerträglich heiß, und wenn es regnet, läuft das Wasser überall herein.“ Wir sind zu Besuch bei Kalu und seinen beiden Mitbewohnern. Es ist ein warmer, aber auch sehr stürmischer Tag. Die kleine Hütte ächzt und quietscht in den Windböen, doch die Bewohner scheint die Geräuschkulisse nicht weiter zu beunruhigen. Verrostete Wellblechstücke, angeknackste Holzbalken und zerfledderte Plastikplanen, verschnürt und vernagelt, halten das zusammen, was die Drei ihr zu Hause nennen.

Sie wohnen in Okahandja-Park, einer Wellblechhütten-Siedlung in Katutura, dem größten Stadtteil Windhoeks. Die Landflucht treibt die Menschen in Massen nach Katutura. In der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben kommen im Schnitt jeden Tag 30 neue Einwohner dazu, die es sich nicht leisten können, in ein befestigtes Haus zu ziehen. Sie zimmern sich stattdessen in Okahandja-Park oder einer der anderen Armen-Siedlungen etwas zusammen, das im namibischen Behörden-Sprech als „informelles Haus“ bezeichnet wird.

Einen eigenen Wasser- oder gar Stromanschluss gibt es in den Wellblechhütten von Okahandja-Park nicht. Wer Wasser zum Waschen oder Kochen braucht, muss zu einem der in der Siedlung veteilten „Water Points“. Um diese Pumpen tatsächlich dazu zu bringen, Wasser auszuspucken, braucht man einen speziellen Chip, den die Siedlungsbewohner von der Stadtverwaltung bekommen und regelmäßig mit Guthaben aufladen müssen. Die Funktionsweise ist mit der eines Prepaid-Handys zu vergleichen: Ist das Guthaben aufgebraucht, gibt’s kein Wasser mehr. Mit großen Kanistern schleppen die Bewohner das Wasser gleich auf Vorrat nach Hause. Zum Kochen benutzen die meisten hier Gasflaschen, die sie an einen alten Herd anschließen.

Kalu und seine Mitbewohner leben in einer Vier-Zimmer-Hütte. Kommt man zur Haustür rein, steht man in der Wohnküche, zur Rechten muss als Sofa-Ersatz eine alte Sitzbank herhalten, die die Jungs aus einem Bus ausgebaut haben. Von der Wohnküche geht’s in die drei Schlafzimmer – bunte Stofftücher an den Wänden lassen die Räume tatsächlich ein wenig heimisch wirken.

Erst beim Rausgehen bemerke ich, dass die komplette Hütte mit einem alten, abgetretenen Teppich ausgelegt ist. Er liegt direkt auf dem sandigen, steinigen Steppenboden, sodass sich jede Unebenheit auf den Hüttenfußboden überträgt. Schwer vorstellbar, diesen Teppich ohne Staubsauger sauber zu halten. Trotzdem wirkt er frisch gepuzt. „Wenn man Besuch bekommt, muss man natürlich ein bisschen sauber machen“, erklärt uns Kalu. „Das war heute kein Problem, aber vor ein paar Tagen war es noch viel windiger als heute. Jedes Mal, wenn ich den Dreck aus der Tür fegen wollte, kam er sofort wieder reingeflogen.“

Läuft man durch die Siedlung, findet man überall die sogenannten „Shebeens“. In diesen illegal betriebenen Kneipen versuchen die Menschen mit donnernder Jukebox-Musik und billigem Alkohol ihre Sorgen zu betäuben. Wir schauen uns eine der Shebeens von innen an und bestellen ein Bier – umgerechnet 1,10 Euro zahlen wir für die 0,75-Liter-Flasche, kleinere Einheiten führt die Kneipe nicht. Die Bedienung sitzt hinter einem komplett vergitterten Tresen und reicht uns die Flasche durch eine kleine Öffnung, wie man sie von Bankschaltern kennt. Ich kann nur mutmaßen, dass es hier zu späterer Stunde öfter mal rau wird, wenn es im Alkoholrausch zu Streitereien kommt.

In fast allen Shebeens bekommt man nicht nur Alkohol, sondern kann auch sein Handy aufladen – sowohl das Prepaid-Guthaben als auch den Akku. Denn obwohl die Menschen in ihren Wellblechhütten keinen Strom haben, besitzt doch jeder ein Mobiltelefon. Wie an so vielen Orten Afrikas wurde auch in Okahandja-Park die Entwicklungsstufe der Festnetztelefonie übersprungen, und es hat sich gleich das Handy durchgesetzt.

Sogar im Internet sind Kalu und seine Mitbewohner unterwegs: Auf YouTube laden sie Videos ihres Chors „Thlokomela!“ hoch. Ein- bis zweimal die Woche kommt das gute Dutzend an Sängerinnen und Sängern zur Probe in Kalus Hütte zusammen, sie singen Gospel und traditionelle afrikanische Musik.

Gerade erst sind „Thlokomela!“ von einer Tournee quer durch Deutschland zurückgekommen. Die Kirche hat ihnen den Flug ermöglicht und Auftritte in zig Städten organisiert, unter anderem auch auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden. Mehrere Wochen waren die Jungs und Mädels unterwegs, sind bei Gastfamilien untergekommen und haben den deutschen Lebensstandard kennengelernt, um dann wieder nach Okahandja-Park zurückzukehren. Mit dem Geld, das sie bei Auftritten bekommen, schlagen sie sich durch den Wellblechhütten-Alltag. Sie sind nicht auf Mitleid aus. Ihnen geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, unter welchen Bedingungen hier in Namibia zehntausende Menschen leben müssen.

Ein Bewusstsein schaffen – darum ging es Kalu und seinen Freunden auch, als sie uns durch ihre Siedlung geführt haben. Schon öfter haben sie Deuschen Okahandja-Park gezeigt, die meisten hatten sie auf ihren Chor-Reisen kennengelernt. „Einige mussten anfangen zu weinen, als sie das hier gesehen haben“, erzählt mir Kalu. Es fällt mir nicht schwer, ihm zu glauben. Ich kannte Wellblechhütten-Siedlungen schon von Fotos und aus dem Fernsehen. Aber selbst mittendrin zu stehen, in eine Hütte hineinzugehen, nicht nur zu sehen, sondern hautnah mitzuerleben, wie die Menschen hier kochen, schlafen, sich waschen, wie die für uns selbstverständlichsten Dinge hier zur täglichen Herausforderung werden – das ist ein unbeschreiblich bedrückendes Gefühl. Ergänzt wird es nur durch Bewunderung für die positive Energie, die die Jungs trotz alledem ausstrahlen. Und durch Dankbarkeit für die unerschöpfliche Offenheit und Gastfreundschaft, mit der sie uns empfangen haben. Es sind diese Momente, die die eigenen Probleme und Sorgen plötzlich ins Mikroskopische zusammenschrumpfen lassen.

4 Kommentare

  1. Yasemin
    24. August 2011, 11:08 Uhr

    Toller Artikel! In Kapstadt wollte ich auch immer in eine der Siedlungen um mir das Leben mal genauer anzuschauen, bin aber nur bis zu einem öffentlichen Barbeque gekommen. Mehr war zu gefährlich.

  2. Dennis
    25. August 2011, 12:36 Uhr

    super geschrieben, Marcel…bringt genau auf den Punkt, was wir dort erlebt haben und macht es fuer andere nachvollziehbar, oder besser gesagt nachfuehlbar!

  3. Heinz
    25. August 2011, 19:11 Uhr

    sehr beeindruckend die Situation beschrieben – trifft meine Erfahrungen aus den Slums Indiens …

  4. Evi
    26. Mai 2016, 22:07 Uhr

    Ich bin stark berührt, dass diese wunderbaren Menschen so ärmlich leben müssen, durfte ich doch heute einen musikalischen Workshop und ein anschließendes Konzert in unserer heimischen Kirche mit der Gruppe Thlokomela erleben. Wie fröhlich, herzlich und unbefangen die Gruppe mit uns Deutschen umgegangen ist, kann ich kaum beschreiben. Der Chor verbreitet unglaublich gute Laune. Unvergessen! Eigentlich hätten diese zauberhaften Leute allen Grund zur Traurigkeit und Verzweflung. Es fehlen die Worte für so viel positive Ausstrahlung. Danke schön für einen so besonders erlebnisreichen Nachmittag/Abend! Ich werde noch lange über so viel Ungerechtigkeit nachdenken müssen. Die Mitglieder von Thlokomela hätte es verdient, in einem Palast zu wohnen…

Kommentar verfassen